Zwangserkrankungen
Es gibt Menschen, die müssen ständig prüfen, ordnen,
putzen, sich waschen. Nur gezielte Therapien können Betroffenen
helfen.
Je mehr ich kontrollierte, desto unsicherer wurde ich", sagt
Holger Müller aus Treuchtlingen. Kaum machte es sich der ehemalige
Qualitätsprüfer einer Kunststofffirma nach der Arbeit
zu Hause bequem, begann ihn der Gedanke zu quälen, tagsüber
doch etwas übersehen zu haben. "Oft fuhr ich abends heimlich
zurück in den Betrieb, um die Kunststoffteile in der Herstellung
nochmals zu prüfen und mich zu beruhigen."
Dieser Wunsch, alles zu kontrollieren, forderte auch morgens seinen
Tribut. Bevor der heute 47-Jährige die Wohnung verließ,
zog er die Kabel sämtlicher elektrischen Geräte aus den
Steckdosen, überzeugte sich mehrmals, dass er den Herd ausgeschaltet
hatte, und schloss nach einem bestimmten System seine Wohnungstür
ab. Auf halbem Weg zum Auto drängte es ihn, umzukehren. "Mir
kamen Zweifel. War da nicht doch etwas unerledigt geblieben?"
Seinen Beruf musste Holger Müller wegen seiner Zwangserkrankung
vor sieben Jahren aufgeben. Jetzt arbeitet er als Bürokaufmann.
Fließende Grenzen beim Zwang
Rund eine Million Menschen in Deutschland erkranken im Laufe ihres
Lebens an dieser vierthäufigsten psychischen Störung.
Exakte Zahlen gibt es nicht. Denn erst, wenn der Ärger in der
Partnerschaft, Familie oder am Arbeitsplatz überhandnimmt,
suchen Betroffene Hilfe. Als zu peinlich und unerklärlich empfinden
Zwangserkrankte ihr Gebaren meist selber. Zudem sind die Grenzen
zwischen gesundem und dem von Zwänge diktierten Verhalten fließend.
Lassen die Zwänge den Betroffenen jedoch leiden, weil ihm keine
Zeit mehr für die Arbeit und die schönen Dinge im leben
bleibt, sollte er rasch professionelle Hilfe suchen.
Die Ursachen der Erkrankung sind vielfältig und bislang wissenschaftlich
nicht eindeutig geklärt. Einzelursachen gibt es nicht. Vielmehr
ist es das Zusammenspiel mehrerer neurobiologischer und psychologisch
Risikofaktoren. Es gibt es eine erbliche Komponente. In bestimmten
Familien treten Zwänge häufiger auf. Das belegen auch
Zwillingsstudien. Doch damit die Krankheit ausbricht, braucht es
mehr. Als bedeutender Risikofaktor gelten Defizite bei der Entwicklung
der sozialen Kompetenz. Mehr als die Hälfte aller chronisch
Zwangserkrankten fühlte sich während der Kinder- und Jugendzeit
in Familie und Schule als Außenseiter.
Experten unterscheiden zwischen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken,
die einzeln, aber auch gemeinsam auftreten können. Erkrankte
putzen und ordnen oder waschen und duschen sich stundenlang. Am
häufigsten ist der Kontrollzwang, wobei Wiederholungen und
Zahlen eine wichtige Rolle spielen. "Gute" und "schlechte"
Ziffern bestimmen dann, ob eine Handlung drei oder siebenmal ausgeführt
werden muss. Magische Vorstellungen und Aktionen kennen die meisten
Menschen: Lottospieler setzen beispielsweise auf bestimmte Zahlen,
und andere klopfen auf Holz, damit das Glück sie nicht verlässt.
Ursache: Innere Spannungen
Durch wiederholte Handlungen - Wäsche wird auf Kante gefaltet,
Teller und Tassen werden millimetergenau in den Küchenschrank
sortiert - versucht der Betroffene innere Spannungen abzubauen.
Aber das Gefühl, dass sich eine Handlung, genau richtig anfühlt
oder erledigt ist, will sich nicht einstellen. Deshalb müssen
Menschen mit einer Zwangsstörung ein ums andere Mal das wiederholen,
was sie da tun.
Handlungen oder Wahrnehmungen erleben die Betroffenen häufig
nicht als vollständig, richtig oder abgeschlossen. Man spricht
von einem "Unvollständigkeitsgefühl", das bei
mehr als der Hälfte der Betroffenen auftritt. Diesen an Zwängen
Erkrankten fehlt das Vertrauen in die eigene Erinnerung. So sagt
einer von ihnen: "Ich habe den Knopf auf Aus gestellt und weiß
es auch, habe aber trotzdem nicht das Empfinden. dass ich es getan
habe." Offensichtlich fehlt die Gewissheit, dass der Herd aus,
die Tür tatsächlich geschlossen ist.
Damit sie sich wieder einstellt, sollen spezielle Übungen Betroffene
im Moment des Handelns wach und präsent machen. Insbesondere
für Patienten mit Kontrollzwängen erscheint es hilfreich,
sich auf das eigene Körpergefühl während der Handlung
zu konzentrieren. Zu Beginn üben sie in unserer Klinik häufig
mit geschlossenen Augen und in Zeitlupe. Körpertherapeutisches
Training kann das "Voll-da-Sein" unterstützen.
Mit der Situation konfrontieren
Ein weiterer wichtiger Baustein aus der Verhaltenstherapie ist die
Konfrontation mit dem reizauslösenden Zwang, auch Expositionstherapie
genannt. Damit wird der Patient aufgefordert, Dinge zu tun, die
heftige innere Spannungen auslösen.
Ähnlich wie die Expositionstherapie funktioniert die Behandlung
bei Zwangsvorstellungen. Der Erkrankte soll die Gedanken bewusst
herbeirufen und sie sich so lange vorstellen,
bis er sich daran gewöhnt hat und sie belanglos findet. Hinzu
kommen Übungen in der Gruppe. Dort arbeiteten wir mehr an den
Gefühlen als an unseren Zwängen. Wo spüre ich meinen
Ärger, meine Wut?
Frühzeitig behandeln lassen
Die Mehrzahl der Betroffenen spricht darüber hinaus auf eine
Behandlung mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern an. Setzt man das
Medikament ab, liegt die Rückfallwahrscheinlichkeit nach den
bisher vorliegenden Studien bei 80 Prozent innerhalb weniger Monate.
Patienten wird geraten, eine Klinik-Ambulanz aufzusuchen oder über
die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen einen niedergelassenen
Therapeuten zu finden. Je früher eine Behandlung beginnt, desto
größer ist der Erfolg. Je nach Stadium, Art sowie zusätzlichen
Erkrankungen liegt die Erfolgsrate von Verhaltenstherapie wie auch
Medikamenten zwischen 50 und 75 Prozent. Das bedeutet aber nicht,
dass die Patienten dann ohne Zwänge leben. Doch sie schaffen
es, besser im Beruf klarzukommen und im Privatleben nicht ständig
anzuecken.
So helfen Angehörige
- Das Wichtigste, bevor Aggressionen gegenüber dem Kranken
anwachsen: Machen Sie ihm klar, dass seine Zwänge auch Sie
extrem belasten.
- Zeigen Sie Verständnis, und bieten Sie Hilfe an - ohne selbst
bei Zwangshandlungen mitzumachen.
- Bitten Sie den Erkrankten, auf Zwänge spezialisierte professionelle
Hilfe in Anspruch zu nehmen.
- Informieren Sie sich über die Erkrankung (Kasten links),
um dem Betroffenen zu helfen.
- Ordnen Sie Ihr Leben nicht den Zwängen unter: Treffen Sie
Freunde, und gehen Sie weiterhin Ihren Hobbys nach.
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